Als sich Anja Fröhlich an einem Freitagmorgen im Juni der Praxis nähert, wird sie schon sehnlichst erwartet: "Frau Doktor, da sind Sie ja endlich". Einer unserer Patienten und Frau Bode vom Kiosk nebenan haben schützend eine kleine Elster umzingelt, die sich von der hektischen Hildesheimer Strasse auf die Treppenstufe des Hauseinganges gerettet hatte. Ein Jungvogel, der noch nicht fliegen kann.
Also: Karton besorgt, Vogel hineingepackt und zum "Checkup" in die Tierarztpraxis gegenüber. Das Ergebnis der Untersuchung klingt ermutigend, der Rat des Tieraztes nicht: "Ein gesunder Jungvogel, vielleicht aus dem Nest gefallen. Setzen Sie ihn einfach wieder dorthin, wo Sie ihn gefunden haben - die Eltern kümmern sich dann". Leicht gesagt an einer der befahrendsten Strassen Hannovers, unmittelbar an einer Bus-und Bahnhaltestelle...
Wir entscheiden uns für den Innenhof, im Apfelgarten mit Hecken und Sträuchern dort hat der Vogel Schutz, Katzen wurden dort noch nie gesichtet. Die Sprechstunde wird etwas anstrengend, da andauernd jemand vom Personal fehlt und aus dem Innenhof zurückgeholt werden muss. Was dazu führt, dass irgendwann das gesamte Team im Innenhof versammelt ist. Einige Patienten schliessen sich spontan an.
Der kleine Vogel residiert in einem Kirschlorbeer und hält Hof. Das unverzüglich besorgte Vogelfutter ist zwar nicht nach seinem Geschmack, die Aufmerksamkeit geniesst er jedoch sichtlich. Nur die Eltern lassen sich nicht blicken, obwohl er nach ihnen ruft.
Das Problem löst sich auch bis zum Sprechstundenende nicht. Jetzt trifft die Nordic-Walking-Gruppe ein, auch sie hält nach Besichtigung des neuen Haustieres eine spontane Krisensitzung ab. Was ist zu tun?
Wir entschliessen uns, telefonischen Rat bei den Profis vom Tierheim einzuholen. "Suchen Sie den Baum, in dem das Nest ist, und setzen Sie den Vogel einfach auf einen der unteren Äste. Die Eltern versorgen ihn dann weiter".
Gesagt - getan. Erstaunte Passanten sahen eine Gruppe von Menschen in Sportkleidung, die mit einer klapperigen Malerleiter bewaffnet drei Strassenbäume an der Hildesheimer Strasse auf Vogelnester untersuchten. "Ist Ihnen eine Katze entlaufen, Herr Doktor?" war einer der Kommentare.
Zwei ältere Herren aus Italien sassen auf einer Bank unter einem dieser Bäume und beobachteten das Treiben. Schliesslich sprach mich einer von Ihnen an: "Heut morge um acht iste kleine Vogel aus diese Baum gefalle, iste hier gelandet. Schwarze und weisse Vogel. Iste aber dann gleich zu de Dottore gegangen."
Na also! Baum gefunden. Auch das Nest - in etwa sechs Metern Höhe. Keine Elster weit und breit, dafür lebhafter Strassenverkehr und jede Menge Passanten. Keine gute Idee, den Vogel, auf der Malerleiter balancierend, in den Baum zu setzen.
Die kleine Elster hatten wir inzwischen wieder in ihren Karton gesetzt und diesen auf die Untersuchungsliege in einem der Sprechzimmer gestellt. Klar, dass eine Elster, die etwas auf sich hält, diesen Karton aufdrückt und auf der Untersuchungsliege herumstolziert. Die dort stehende geöffnete Aktentasche wird gründlich inspiziert, das darin befindliche Deutsche Ärzteblatt mit einem saftigen Klecks veredelt. Danach begibt sich die Elster von Welt selbstbewusst auf den Chefsessel, um ihre Sprechstunde zu beginnen...
Nun wussten wir nicht mehr so recht weiter. Unser Freund Jürgen, Teilnehmer der Walking-Gruppe und geborener Heidscher, wusste Rat: "Ich fahre morgen zu meinen Eltern in die Lüneburger Heide. Dort gibt es eine Wildtieraufzuchtstation."
Banger Anruf dort, aber: "Kein Problem, bringen Sie den Vogel vorbei".
So startete die Wülfeler Jungelster zunächst einmal in Richtung Deister, wo ihr der fürsorgliche Jürgen in seinem Haus Asyl gab und sogar am nächsten Morgen in aller Frühe im Kompost nach Regenwürmern buddelte.
Die Übergabe an die Wildtierhilfe in Soltau gestaltete sich problemlos - der Wülfeler Jungvogel fand in der Gesellschaft eines jungen Eichelhähers und einer Jungdohle ein vorübergehendes Zuhause und verschlang sofort erstaunliche Mengen Katzenfutter, die fachkundig mit einer Pinzette in den weit geöffneten Schlund gestopft wurden.
An einem Samstag im Juli haben wir die Elster noch einmal besucht - man will ja wissen, wie es einem gebürtigen Wülfeler in der Fremde so ergeht. Aus dem kleinen Rabauken hatte sich in kurzer Zeit ein ansehnlicher Vogel entwickelt, der in seinen Flugversuchen schon weit fortgeschritten war. Für den folgenden Tag waren die ersten Ausflüge in die Freiheit geplant. Ehrensache, dass wir eine Futterspende dagelassen haben.
Den erfreulichen Ausgang dieses ersten dokumentierten selbstständigen Arztbesuches eines abgestürzten Jungvogels in Hannover haben wir dann in einer Brauereigaststätte in Soltau noch gebührend gefeiert.
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